In diesen Tagen haben wir 30 Jahre Deutsche Einheit gefeiert. Ja, gefeiert, denn die Einheit ist ein Glücksfall. Sie ist ein Segen für unser Land und war ein historisches Geschenk für die Menschen in beiden Landesteilen. In den neuen Ländern war nach Jahrzehnten der Unfreiheit und des Unrechtsstaats wieder ein Leben in Demokratie und Freiheit möglich und auch in den alten Bundesländern hat sich die lange Sehnsucht nach der deutschen Einheit erfüllt. Der Ausgangspunkt für diese Entwicklung waren die Demonstrationen in Leipzig, Dresden und Berlin im Jahr 1989. Noch während das Regime der DDR am 7. Oktober 1989 den 40. Jahrestag der Gründung der DDR feierte, wuchs der Mut und der Freiheitswille der Menschen auf der Straße.

Was viele Menschen beiderseits der Mauer nicht mehr für möglich hielten, das Ende der deutsch-deutschen Teilung, erkannten nur wenige als ein historisches Zeitfenster, die deutsche Einheit wiederzuerlangen. Es war Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, der am 28. November 1989 mutig, geschichtsbewusst und fest entschlossen das Ziel der Einheit verkündete. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt die Freude, aber auch die Erkenntnis, dass das Gelingen der Einheit eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe war. Eine Aufgabe, die blühende Landschaften, aber auch Ungleichheiten hervorbrachte. Dieser Debatte muss sich die Politik in Ost und West nach wie vor stellen. Dass die innerdeutsche Teilung letztlich mit einem Federstrich unter einem (Einheits)Vertrag endete, friedlich und ohne übersteigertes Pathos, war zum einen der Sieg des Rechts gegenüber dem Unrecht. Es war aber auch in dem Bewusstsein geschehen, dass die Sorge vieler europäischer Nachbarn vor einem wiedererstarkten Deutschland ernst genommen werden musste.

Die Wiedervereinigung war deshalb mehr als ein deutscher Glücksfall. Sie war auch der Ausgangspunkt und Auftrag für eine vertiefte europäische Integration. Durch den Fall des Eisernen Vorhangs war die Grundlage für die Einheit Europas geschaffen. Bereits 1992 wurden deshalb nicht nur die Voraussetzungen für den Euro geschaffen, sondern auch die ersten Weichen für ein vereintes Europa gestellt. Dieses Europa steht vor enormen Herausforderungen. Die Covid19-Pandemie und die wirtschaftlichen Folgen für unsere vernetzte europäische Wirtschaft, aber auch viele außenpolitische Fragen. Wie positioniert sich die EU zu China? Zur Türkei oder auch zur USA? Wie können wir stärker Verantwortung für unseren Nachbarkontinent Afrika übernehmen und ja, wie können wir gemeinsam Migrations- und Asylfragen lösen? Dabei stoßen wir in Europa zunehmend auf unterschiedliche Wertvorstellungen. Wertvorstellungen, die in der politischen Auseinandersetzung vor allem Trennendes betonen. Wir müssen Wege finden, von einer Debatte des Gegeneinanders zurück zum Miteinander zu kommen. Europas Fundament ist die Vielfalt und die europäische Einheit wird nur in Vielfalt gelingen. Die enorme Leistung der Generation Helmut Kohls und aller, die an die Wiedervereinigung geglaubt und daran gearbeitet haben, war es, immer Wege des Verbindenden und des Zusammenhalts zu finden. Wir haben dieser Generation viel zu verdanken, auch daran sei am 3. Oktober 2020 erinnert.

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