Ausgelöst durch die Ereignisse in den USA gibt es in Deutschland eine intensive Diskussion darüber, ob der Rassebegriff aus den Grundgesetz und aus den Verfassungen der Länder gestrichen werden soll. Der Begriff taucht jeweils im Kontext der grundrechtlichen Diskriminierungsverbote auf, übrigens auch in der Europäischen Menschenrechtskonvention.
Ja, der Rassebegriff ist anachronistisch, die Debatte um Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung ist es aber leider nicht. Eine Streichung aus den Verfassungstexten wäre deshalb ein falscher Schritt. Das Grundgesetz und auch die Landesverfassungen sind historisch geprägte Werke. Dies gilt umso mehr, wenn es um die generalisierenden Formulierungen der Grundrechte geht. Sie sind nach den schrecklichen Erfahrungen der rassischen Ideologie des Dritten Reichs entstanden, einer Ideologie, welche Millionen Menschen vernichtet und die Welt in Schutt und Asche gelegt hat. Das ist unsere ureigene deutsche Geschichte, das ist unsere Schuld. Und genau an diese historische Schuld erinnert uns der Begriff noch heute. Der Rassebegriff ist unangenehm und unbequem. Das soll er auch bleiben. Wir sollten es uns nicht leichtmachen und den Begriff aus unserer Wahrnehmung verbannen. Die Mütter und Väter unserer Verfassungen waren weder unsensibel noch unachtsam. Sie wollten den Gleichbehandlungsgrundsatz als einen Auftrag verstanden wissen, sich gegen jede Art von Diskriminierung und Ausgrenzung und eben auch gegen Rassenwahn einzusetzen. Dieser Auftrag ist heute noch so aktuell wie damals.
Der sprachpolitische Zeitgeist sollte diesen historischen Appell in unseren Verfassungen weder löschen, noch relativeren oder ersetzen. Keiner würde auf die Idee kommen, den Begriff Rassismus oder Antirassismus in ähnlicher Weise in Frage zu stellen. Selbst wenn man die Begriffe ersetzen würde, würde man in der Sache keinen Schritt vorankommen. Den Kampf gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung müssen wir gesellschaftlich angehen. Nicht durch plakative Begriffsdebatten, sondern im Alltag, am Stammtisch, bei der Arbeit oder im Verein. Hier sind wir in den letzten Jahren voran, aber nicht weit genug vorangekommen. Darauf sollten wir uns konzentrieren.

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