Wider das Vergessen: Dies war und ist der Leitgedanke des ehemaligen Finanzministers Karl Starzacher (1995-1999). Ihm ist es zu verdanken ist, dass Ende der 1990er Jahre die Akten der hessischen Finanzverwaltung aus der Zeit des Nationalsozialismus für die wissenschaftliche Forschung geöffnet wurden. Seine Entscheidung ermöglichte letztendlich auch die Wanderausstellung „Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“, organisiert vom Fritz Bauer Institut und dem Hessischen Rundfunk. Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer zeichnete heute Karl Starzacher für seine mutige Entscheidung als „Mensch des Respekts“ aus: „Nur wer hinschaut, kann verstehen. Nur wer versteht, kann aus der Vergangenheit lernen. Sie, lieber Herr Starzacher, haben genau hingeschaut und Sie haben mit Ihrer Entscheidung zur Öffnung der Akten für die Forschung den Grundstein gelegt, dass wir nun alle die Möglichkeit haben, genau hinzuschauen. Das ist unser aller Aufgabe. Denn nur so können wir die Erinnerung an das geschehene Unrecht an Millionen von Menschen lebendig halten und das Unrecht beim Namen nennen, ganz gleich wer es begangen hat“, so Thomas Schäfer bei der heutigen Veranstaltung auf dem Campus der Goethe-Universität Frankfurt.

Hessens Finanzminister a.D. Karl Starzacher sagte heute: „Als ich Ende der 1990er Jahre den Anstoß dafür gab, die Akten der ehemaligen Reichsfinanzverwaltung im Bereich des heutigen Bundeslandes Hessen über die Ausplünderung der hessischen Juden durch den nationalsozialistischen Staat historisch aufzuarbeiten, wurde wiederholt die Frage gestellt, warum dieses wichtige Thema unserer Geschichte nicht schon viel früher in all seinen Facetten Gegenstand der Forschung und des öffentlichen Diskurses war. Auch ich stellte mir diese Frage. Die freigegebenen Akten der Finanzverwaltung sind ungewöhnlich eindrucksvolle und zugleich verstörende Dokumente. Sie erzählen Geschichten: Geschichten von Opfern und Tätern und von einem staatlich organisierten Raubzug. All das ist geschehen! Durch die wissenschaftliche Aufarbeitung der Akten und durch die außergewöhnlich und ausgezeichnete Ausstellung ‚Legalisierter Raub‘ geben wir den Opfern ein Gesicht und ihrem Schicksal eine Stimme. Deshalb liegt mir dieses Projekt bis heute sehr am Herzen!“

Ausstellung „Legalisierter Raub“ seit 2002

Die Ausstellung „Legalisierter Raub“ dokumentiert seit dem Jahr 2002 eindrücklich die Mitwirkung der Finanzbehörden des Deutschen Reiches an der unrechtmäßigen Einziehung jüdischen Eigentums. Seit Anbeginn der Ausstellungsreihe wird dort unter anderem die Lebensgeschichte von Artur Lauinger erzählt. Auch der Frankfurter Journalist und sein heute 99 jähriger Sohn Wolfgang hatten unter den Folgen der Enteignungspolitik zu leiden. Bis zum heutigen Tag hat Wolfgang Lauinger von staatlicher Seite keine schriftliche – und damit ganz zentral – auch keine moralische Anerkennung von widerfahrenem Unrecht erhalten. Dass sich dies nun ändert, dafür sorgte heute Hessens Finanzminister, der Wolfgang Lauinger einen persönlich verfassten Brief überreichte, in dem Schäfer unmissverständlich klarstellt: „Das Land Hessen bekennt sich, wir bekennen uns zu unserer historischen Verantwortung und der damit verbundenen Verpflichtung zur moralischen Wiedergutmachung. Es gehört auch für mich zum unumstößlichen Kern gemeinsamer Grundüberzeugungen. Daher teile ich uneingeschränkt die Überzeugung, dass die Entscheidungen der Finanzbehörden im Dritten Reich, unter denen Sie und Ihre Familie zu leiden hatten, zu Unrecht erfolgt sind.“

Der Finanzminister erinnerte heute noch einmal an die Lebensgeschichte von Wolfgang Lauinger: „Als sogenannter Halbjude, als Frankfurter Swingkid und auf Grund Ihrer sexuellen Orientierung wurden Sie verfolgt und saßen im Gefängnis. Hinzu kommt, dass auch Sie und Ihre Familie von der Enteignungspolitik an der jüdischen Bevölkerung betroffen waren. So war beispielsweise das Umzugsgut Ihres Vaters nach dessen erzwungener Auswanderung bei einer Spedition eingelagert, die es ihm eigentlich nach London nachsenden sollte. Sie mussten als junger Mann in kurzer Zeit viel Geld aufbringen, um das Hab und Gut Ihres Vaters bei der Spedition auszulösen: Es wäre sonst zu Gunsten des Staates versteigert worden.“ Thomas Schäfer danke Wolfgang Lauinger für sein großes Engagement, mit dem dieser die Erinnerung an das Leid, das die jüdische Bevölkerung im Dritten Reich ertragen musste und die Erinnerung an Minderheiten zu Zeiten des Nationalsozialismus wach hält. „Ja, dieses Land hat sich verändert. Ja, es ist ein anderes Land geworden. Und trotzdem sage ich voller Überzeugung, dass wir alle geschehenen Unrechtstaten des Nationalsozialismus ohne Ausnahmen als solche anerkennen müssen“, machte der Finanzminister deutlich. Die Ausstellung „Legalisierter Raub“ leiste einen fundamentalen Beitrag zur Aufarbeitung dieses Teils der deutschen und hessischen Geschichte.

Die Direktorin des Fritz Bauer Instituts, Prof. Dr. Sybille Steinbacher, sagte heute: „Im Jahr 1998 beauftragte der damalige Finanzminister Karl Starzacher das Fritz Bauer Institut mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Akten der ehemaligen Reichsfinanzverwaltung im heutigen Hessen. Das war nicht nur ein Forschungsauftrag, sondern auch ein grundlegender Impuls für die wissenschaftliche und öffentliche Auseinandersetzung mit der aktiven Rolle der deutschen Bürokratie im Holocaust und der Frage, wie die Verbrechen in der Bevölkerung wahrgenommen wurden. Alltägliche Verwaltungsabläufe, Bürotätigkeiten, kurz: Routinen, wie sie in Behörden üblich sind, waren Teil der Verbrechen. Das Wissen über die Vorgänge führt die Verantwortung des Einzelnen drastisch vor Augen. Die Ausstellung ‚Legalisierter Raub‘ hat durch ihre Wanderung in 29 Orte immer wieder Fragen aufgeworfen und Gespräche über die Geschichte des Holocaust in der eigenen Kommune angestoßen. Dabei spielte die Erzählung von überlebenden Verfolgten eine zentrale Rolle. Als neue Direktorin des Fritz Bauer Instituts danke ich Herrn Minister a.D. Karl Starzacher für seine politische Initiative, mit der er Zeichen gesetzt hat, und Herrn Minister Dr. Thomas Schäfer dafür, dass er die Schirmherrschaft bei der Abschlusspräsentation der Ausstellung im nächsten Jahr in Frankfurt übernehmen wird. Mein besonderer Respekt gilt Herrn Wolfgang Lauinger für sein persönliches Engagement als Zeitzeuge.“

Dr. Bettina Leder, verantwortliche Referentin für die Ausstellungen des Hessischen Rundfunks, erklärte: „Wir haben während der Wanderung der Ausstellung mit vielen Auszubildenden, Schülerinnen und Schülern zusammengearbeitet, die die Geschichte der Ausplünderung der Jüdinnen und Juden in ihrer Region erforscht und mit Zeitzeugen wie Wolfgang Lauinger gesprochen haben. Wir durften miterleben, wie die Gespräche und ihre Forschungsarbeit den Blick der Schüler auf ihr Dorf, ihre Stadt verändert haben. Die Verfolgung fand plötzlich nicht mehr weit entfernt in großen Städten wie Frankfurt statt, sondern in ihrem eigenen Lebensumfeld und nicht in grauer Vorzeit, sondern in der Lebenszeit ihrer Großeltern und Urgroßeltern. Sie haben verstanden, dass wir Verantwortung dafür haben, wie wir mit unserer Vergangenheit umgehen. “

Die Abschlusspräsentation zur Ausstellung „Legalisierter Raub“ findet im kommenden Jahr vom 23. Mai bis zum 14. Oktober im Historischen Museum Frankfurt unter der Schirmherrschaft von Finanzminister Schäfer statt.

Hintergrund:

Die Hessische Landesregierung hat das Jahr 2017 zum „Jahr des Respekts“ ausgerufen. Mit der Kampagne „Hessen lebt Respekt“ wirbt das Land für ein respektvolles Miteinander, Toleranz und Rücksichtnahme im Alltag sowie für gesellschaftliche Vielfalt und ehrenamtliches Engagement. Im Laufe des Jahres werden von der Landesregierung regelmäßig „Orte des Respekts“ gefördert und „Menschen des Respekts“ ausgezeichnet, damit das Werben um Fairness, Rücksichtnahme und Gemeinsinn in der Gesellschaft in die Breite getragen wird.

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