Die Hessische Europaministerin Lucia Puttrich sieht gute Chancen, dass der Finanzplatz Frankfurt profitieren kann, falls die Europäische Union sich dafür entscheidet, das sogenannte Euroclearing nach dem Brexit aus London zu verlagern. „Aus meiner Sicht sprechen sehr gute Argumente für eine solche Entscheidung. Angesichts der riesigen Summen, von denen wir hier reden, hätten Störungen unmittelbare Auswirkungen auf die EU-Finanzmarktstabilität. Aufsicht und Risiko dürfen deshalb nach dem Ausscheiden Großbritannien aus der EU nicht getrennt sein“, sagte Puttrich am Mittwoch in Wiesbaden. Wenn das Euroclearing in die EU-27 verlagert werde, könne der Finanzplatz Frankfurt davon profitieren. Beispielsweise verfüge die Deutsche Börse mit der EUREX über ein erfahrenes Clearinghaus, das bereits seit Jahresbeginn signifikante Zuwächse im Handelsvorlumen erfahre.
Derzeit findet das Clearing von in Euro gehandelten Derivaten zu weit über 90 Prozent in London statt. Der Anteil für Zinsderivate beträgt 80 Billionen Euro pro Jahr. Die Aufsicht über die Clearinghäuser liegt im Wesentlichen bei den nationalen Aufsichtsbehörden und damit im Falle Großbritanniens nach dem Brexit außerhalb der EU. Bisherige Aufsichtsstrukturen für Clearinghäuser in Drittstaaten sind auf weitaus geringere Volumina ausgerichtet. In Brüssel wird deshalb derzeit darüber beraten, ob eine unmittelbare Aufsicht auch nach dem Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union noch möglich ist.

Teilerfolg hinsichtlich der Relocation des Euroclearings

„In den vergangenen Monaten wurden extrem hohe Kosten als Argument gegen eine mögliche Verlagerung angeführt. Diese wurden in einer Studie des Center for Financial Studies der Goethe Universität Frankfurt relativiert“, sagte Lucia Puttrich weiter. Die Hessische Landesregierung habe deshalb in den vergangenen Wochen in Brüssel bemüht, unter Heranziehung von Experten Objektivität und Transparenz in die Diskussion zu bringen. Unter anderem habe die Hessische Landesvertretung in Brüssel die Plattform zur Präsentation von drei Experten-Studien zu möglichen Kosten und der aufsichtsrechtlichen Bewertung einer Relocation geboten. Weitere Termine mit Akteuren des Finanzplatzes und dem Bankenverband sind geplant.
Puttrich wertet als Teilerfolg, dass der vor kurzem in Brüssel vorgelegte Berichtsentwurf der Berichterstatterin des Europaparlaments, Danuta Hübner, die Variante einer Relocation des Euroclearings aufgreift. Hübner stand dem in ersten öffentlichen Äußerungen ablehnend gegenüber. Nun gelte es, die Abgeordneten des Europaparlaments zu informieren und die Positionen zu diskutieren.

Positives Signal für den Finanzplatz Frankfurt

Die Hessische Europaministerin sieht auch in der Ernennung des früheren Goldman-Sachs-Managers Jörg Kukies zum Staatssekretär im Bundesfinanzministerium ein positives Signal für den Finanzplatz Frankfurt. „Er weiß, was der Brexit unmittelbar für die Finanzinstitute bedeutet. Kukies kennt den Finanzplatz Frankfurt und seine Vorzüge.“ Puttrich selbst will ihre Gespräche zum Thema Euroclearing in den kommenden Wochen fortsetzen.

Vorheriger Beitrag Nächster Beitrag