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03.04.2013 - Land
Finanzminister Dr. Thomas Schäfer: "Mittelfristig Linienverkehr etablieren"

Der Flughafen Kassel-Calden kann wie geplant am 4. April 2013 eröffnen. Dass das keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt der Blick nach Berlin. Finanzminister Dr. Thomas Schäfer, der zugleich Aufsichtsratsvorsitzender des Flughafens in Kassel-Calden ist, spricht im Interview mit hr-online über die Zukunftsperspektiven des Airports. Lesen Sie hier das Interview:

hr-online: Herr Schäfer, Sie sind Aufsichtsratsvorsitzender des Flughafens Kassel-Calden. Wie intensiv haben Sie die Probleme beim Berliner Flughafen-Bau beobachtet? Immerhin ist dort mit Klaus Wowereit der Aufsichtsratschef zurückgetreten.

Dr. Thomas Schäfer: Ich habe interessiert nach Berlin geblickt. Wir sprechen allerdings von einer ganz anderen Größenordnung.

hr-online: Was hat Calden denn besser gemacht als Berlin?

Dr. Thomas Schäfer:Die Berliner Situation kann ich nicht beurteilen. Bei uns haben Kosten- und Zeitplan eine große Rolle gespielt. Wenn es irgendwo Abweichungen gegeben hat, haben bei mir die Alarmglocken geschrillt. Nach den Erfahrungen, die andere gemacht haben, fühle ich mich bestätigt, relativ nah am Projekt zu sein.

hr-online: Fühlen Sie sich als Bauherr?

Dr. Thomas Schäfer: Die Gesellschaft ist der Bauherr, die operative Verantwortung trägt die Geschäftsführung. Als Aufsichtsratsvorsitzender und Vertreter des größten Gesellschafters und Geldgebers fühle ich eine besondere Fürsorge für dieses Projekt. In einzelnen Fällen habe ich gegenüber den Vertretern von Airlines unser Interesse persönlich deutlich machen können.

hr-online: Wie laufen die Gespräche mit den Fluggesellschaften? Stichwort Linienverkehr.

Dr. Thomas Schäfer: Der Flugmarkt ist relativ umkämpft. Wir eröffnen zu einer Zeit, in der die Wachstumsmargen zumindest in der Mitte Europas kleiner geworden sind. Und auch die Debatte um den Berliner Flughafen hat unsere Bemühungen nicht erleichtert. Bei den Verhandlungen waren große Unsicherheiten da, ob wir den Eröffnungstermin halten können. Dennoch haben wir einen ambitionierten Sommerfahrplan aufgestellt. In den nächsten Monaten wird sich zeigen, welche Flugstrecken angenommen werden und wo weiterer Bedarf besteht. Linienflüge sind nicht die Option der ersten Stunde, wir werden erst einmal auf Charterverkehr setzen und mittelfristig den Linienverkehr etablieren. Wir möchten hier nachhaltig arbeiten.

hr-online: Bislang wurde kein privater Betreiber für Calden gefunden. Haben Sie da noch Hoffnung?

Dr. Thomas Schäfer: Natürlich würden wir einen privaten Flughafen-Betreiber begrüßen. Wir haben jedoch festgestellt, dass der Markt in der aktuellen wirtschaftlichen Situation keinen privaten Mitgesellschafter hergibt. Wir erwarten, dass sich die Anfangsverluste von Jahr zu Jahr reduzieren. Wenn wir den Flughafen in der Waage haben, könnten auch wieder Interessenten anklopfen. Wie Sauerbier werden wir den Flughafen jedenfalls nicht anbieten – das kriegen wir auch so hin.

hr-online: Ein immer wieder genannter Kritikpunkt sind die Kosten in Höhe von 271 Millionen Euro. Der Betrag ist während der Planungs- und Bauphase von einst genannten 70 Millionen DM immer weiter angestiegen. Warum?

Dr. Thomas Schäfer: Die ursprünglichen Zahlen gingen von einer einfachen Modernisierung des Verkehrslandeplatzes aus. Wenn man die Start- und Landebahn für größere Flugzeuge hätte nutzen wollen, hätte man den Dörnberg (Erhebung im Habichtswald, Anm. d. Red.) sprengen müssen. Also haben wir uns für einen neuen Standort entschieden, was zu Ausgaben in Höhe von 151 Millionen Euro führte. Verschärfte Sicherheitsanforderungen, erhöhte Baukosten und andere Dinge haben schließlich zu einer Erhöhung des Kostenrahmens auf 271 Millionen Euro geführt.

hr-online: Die Grünen prangern zudem die millionenschweren Subventionen an, die nach der Eröffnung jährlich in den Flughafen gesteckt werden. Wie gehen Sie mit dieser Dauerkritik um?

Dr. Thomas Schäfer: Die Grünen haben den Flughafen-Bau nicht verhindern können. Daher versuchen sie jetzt an allen Ecken und Enden zu bohren, um sicherzustellen, dass der Flughafen keinen Erfolg hat. Hinterher kann man dann sagen, man habe recht gehabt. Dafür habe ich kein Verständnis, das scheint mir eine ziemlich perfide Strategie, die die Bürger in Nordhessen durchschauen werden.

hr-online: Können Sie solchen Millionenausgaben ohne große Bauchschmerzen zustimmen? Gerade als Finanzminister, der in diesen Zeiten jeden Cent umdrehen muss...

Dr. Thomas Schäfer: Ich glaube, dass es am Ende eine richtige Infrastruktur-Entscheidung war. Wenn man den Standort Nordhessen für die Logistik-Branche weiterentwickeln will, wird man auf Dauer eine leistungsfähige Flugverbindung brauchen. Ich bin recht zuversichtlich, dass wir beim zehnjährigen Jubiläum über die Anfangsverluste entspannter reden als heute.

hr-online: 2020 soll der Flughafen mehr als 600.000 Passagiere pro Jahr aufweisen. Fühlen Sie sich mitverantwortlich, dass diese Zahl erreicht wird?

Dr. Thomas Schäfer: Das ist unsere Zielvorgabe, die uns von Gutachtern prognostiziert wurde. Auf dem Weg dorthin wird es keine lineare Entwicklung geben, es werden auch Rückschläge dabei sein. Entscheidend ist, dass wir am Ende bei annähernd 660.000 Fluggästen landen. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass wir den Flughafen dauerhaft wirtschaftlich betreiben können.

hr-online: Wird es Frachtflüge in der Nacht geben, um mehr Flugbetrieb zu schaffen?

Dr. Thomas Schäfer: Der Planfeststellungsbeschluss des Flughafens sieht maximal zwei An- und zwei Abflüge in der Nacht vor. Das ist die Grundlage, damit sind klare Grenzen gesetzt, die selbstverständlich eingehalten werden.

hr-online: Soll der Flughafen irgendwann Gewinn machen – oder sehen Sie ihn lediglich als Teil der Infrastruktur?

Dr. Thomas Schäfer: Aus jetziger Perspektive glaube ich nicht daran, dass man mit dem Flughafen richtig Geld verdienen kann. Das Ziel muss eine schwarze Null sein, damit es keine weitere Belastung für die öffentlichen Kassen gibt.

hr-online: Am Flughafen sollen auch Arbeitsplätze entstehen durch Firmen, die sich für den Standort entscheiden. Wie laufen diese Gespräche?

Dr. Thomas Schäfer: Über mangelnde Nachfrage können wir uns nicht beklagen, wir beschließen in jeder Aufsichtsratssitzung Grundstücksverkäufe an Gewerbetreibende. Mit großen Leerständen haben wir nicht zu rechnen, im Gegenteil: Die Flächen am neuen Flughafen und im Gewerbepark am alten Flugplatz werden eher knapp werden.

hr-online: Die jetzige Landesregierung unter Regierungschef Volker Bouffier führt aus, was unter Roland Koch in die Wege geleitet wurde. Hätte die aktuelle Koalition das Projekt genauso umgesetzt? Oder wären Sie anders vorgegangen?

Dr. Thomas Schäfer: Die Entscheidung ist damals nicht vom Himmel gefallen, sie wurde immer wieder sehr ausführlich diskutiert mit dem Ergebnis, dass die Vorteile der Maßnahme die Risiken überwiegen. Insofern sehe ich keine Veranlassung einer kritischen Reflexion. Es war eine richtige Entscheidung, die wir heute genauso treffen würden.

hr-online: Was hat Calden, was andere regionale Flughäfen nicht haben?

Dr. Thomas Schäfer: Die großen Fluglinien haben im Moment wenig Interesse an Regionalflughäfen. In einigen Jahren werden die großen Hubs jedoch Kapazitätsengpässe haben, weil sie sich an ihrem Standort nicht weiterentwickeln können. Die Airlines müssen dann überlegen, ob sie die teuren Landegebühren in Kauf nehmen wollen oder ob sie ausweichen. Hier sehe ich sehr gute Chancen für Calden.

hr-online: Warum ausgerechnet Kassel? Es gibt ja auch noch zahlreiche andere Regionalflughäfen...

Dr. Thomas Schäfer: ... aber viele davon liegen ohne Infrastruktur mitten in der Pampa. Sie sind zum Beispiel auf einem ehemaligen Militärgelände entstanden und werden kaum eine Chance haben. Wer sich jedoch in einer Region mit wirtschaftlicher Prosperität befindet, die unabhängig von einem Flughafen Fahrt aufgenommen hat, wird gut dastehen. Calden befindet sich mitten in einer europäischen Boom- Region – und Calden wird einer der ersten Regionalflughäfen sein, der für Linienverkehr von größeren Fluglinien wieder interessant werden wird.

Die Fragen stellte Bernhard Böth. 

Themengebiet: Flughafen, Nordhessen, Interview