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09.07.2012 - Land
Im Gespräch: Ministerpräsident Volker Bouffier über die Veränderungen der Gesellschaft durch den demographischen Wandel
Wie verändert sich eine Gesellschaft durch den demographischen Wandel? Ein Gespräch mit dem CDU-Landesvorsitzenden und Hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung über Dorfläden, Vereine, das Ehrenamt und den Mangel an Fachkräften.

Auf zwei Dinge kommt der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier im Gespräch über den demografischen Wandel mehrmals zurück: Es sei keine Katastrophe, wenn sich die Gesellschaft so grundlegend verändere; nur wer das begreife, könne auch Lösungen finden. Und es gehe nicht um aufregende Theorien und wirklichkeitsferne Konzepte, sondern um das einfache Leben, um praktische Fragen, die am besten die Bürger selbst beantworten können - und müssen.
 
Das Dorf Gertenbach bei Eschwege ist deshalb ganz nach dem Geschmack Bouffiers. „Da gab es gar nichts mehr - der Klassiker“, sagt er über den Ort im Nordosten Hessens, in einer Gegend, dem Werra-Meißner-Kreis, die vom demographischen Wandel so betroffen ist wie kaum eine andere. Die Bevölkerung wird hier nach Berechnungen des Statistikamts in Wiesbaden bis 2050 um ein Drittel schrumpfen, die Zahl derer unter 20 sogar um die Hälfte. Für ein Dorf wie Gertenbach heißt das: kein Bäcker, kein Metzger, kein Arzt, keine Bank, keine Apotheke, kein Wirtshaus, keine Schule, kein Nichts mehr.
 
„Die haben sich zusammengetan“
 
In Gertenbach fanden sich die Leute damit nicht ab. Wenigstens einen Dorfladen sollte es wieder geben. „Die haben sich zusammengetan“, sagt Bouffier, „und eine größere Anzahl von Bürgern hat gesagt: Wir glauben, dass wir was tun können. Wer macht mit?“ Anders gefragt: Was gibt es noch, wo es nichts mehr gibt? Es gab ein leerstehendes Gebäude. Und es gibt in der Nähe eine Behindertenwerkstatt, die Behinderte betreut und ausbildet. „Das Interesse dieser Behinderteneinrichtung war, dass sie für ihre behinderten Menschen auch Arbeitsgelegenheiten gefunden haben, für Leute, die nur drei Stunden am Tag arbeiten können und nur in bestimmten Bereichen.“
 
Außerdem konnte die gesamte Bürokratie, die Buchhaltung, die ein Dorfladen haben muss, vom Management der Werkstatt übernommen werden. „Dann haben sie ein Lebensmittelunternehmen gesucht und gefunden, das bereit war, diesen Dorfladen zu bestücken. Das Unternehmen hat ihnen dann zugesichert: Ihr kriegt das gleiche Sortiment wie in den anderen großen Märkten auch, sonst ist das nicht attraktiv; ihr müsst allerdings auch versprechen, dass die Kundschaft kommt.“
 
Kein „schwarzes Loch“
 
Aus dem Dorfladen wurde mehr. Die Sparkasse und die Volksbank wurden gebeten, einen Geldautomaten aufzustellen. „Dann haben sie die Ärzte und Apotheker der Gegend angesprochen und haben gefragt: Wie wäre es, wenn ihr hier einen Servicepunkt macht?“ Auch das gibt es seither. Aber was fast noch wichtiger ist: „Und dann haben sie noch ein kleines Stehcafé eingerichtet, das betrieben wird von behinderten Menschen, mit überschaubarem finanziellen Aufwand, und das alles hat im Ergebnis dazu geführt, dass dieser Punkt attraktiv ist für das Dorf, so wie es früher irgendeinen Dorfmittelpunkt gab, wo man hinmusste, um zu hören, was eigentlich los ist.“
 
Das Beispiel hat vielen anderen Dörfern gezeigt, wie man es machen kann. Getragen wird die Initiative von einem Verein: „Dorfladen für Gertenbach“. Das sei „die wichtigste Struktur, die wir haben - die Vereine“, sagt Bouffier. Die Vereine seien der Schlüssel dafür, wie die Folgen des demographischen Wandels bewältigt werden könnten, und zwar nicht mit Notlösungen, sondern mit einer „positiven Antwort“ - man solle nicht immer so tun, als sei die Alterung und Schrumpfung der Gesellschaft ein „schwarzes Loch“.
 
Gertenbach zeige: „Das wird nicht gehen mit Talkshows, das wird auch nicht gehen mit Fachkongressen, das geht nur mit den Menschen vor Ort.“ Da gebe es in der Regel den Sportverein, die Feuerwehr, den Gesangverein oder Kirchenchor, einen Umweltschutzverein, den Anglerverein oder den Vogelschutzverein. Das sei die vorhandene bürgerschaftliche Struktur, der wichtigste Ansprechpartner, um neue Wege zu gehen. „Da braucht es keine Bürokratie und keinen Staat.“
 
Ohne den Bürger geht es nicht
 
Darauf kommt Bouffier immer wieder zurück. „Wir brauchen den engagierten Bürger. Ohne ihn geht es nicht.“ In einem heterogenen Land - Hessen steht da stellvertretend für alle Flächenländer - seien landesweite Programme ohnehin mit großer Vorsicht zu genießen. „Wir bauen zunächst einmal auf das Individuum, auf die Kraft, die Ideen und die Vielfalt der Bürger, die selbst etwas machen, bevor sie fragen, was die anderen tun und was der Staat tut.“ Das sagt Bouffier auf die Frage, ob ehrenamtliches Engagement im Alter nicht die Vorstufe für eine längere gesetzlich geregelte Lebensarbeitszeit sei.
 
Müsse nicht jetzt schon eine Diskussion über die Rente mit 69 angestoßen werden? „Wir haben alle Hände voll damit zu tun, hinreichende Akzeptanz dafür zu finden, dass wir die Lebensarbeitszeit auf 67 erhöht haben“, sagt Bouffier. Das müsse jetzt erst einmal durchgesetzt werden - gegen Widerstände in der SPD und in den Gewerkschaften.
 
Und es müsse einer gesellschaftlichen Fehlentwicklung entgegengewirkt werden: „Dass Ältere auf dem Arbeitsmarkt keine Chance haben, ist falsch.“ Falsch sei es aber auch, wenn der Ehrenamtliche - ob jung oder alt - zur „fünften Kolonne des Staates“ gemacht werde. Ehrenamtliches Engagement sei deshalb so wertvoll im demographischen Wandel, weil es den bürgerschaftlichen Gedanken in Reinkultur darstelle: „Wer ehrenamtlich arbeitet, macht das freiwillig; und was ich freiwillig mache, tue ich gerne, und das führt zu größerer Vielfalt, größerer Kreativität und auch zu größerem Erfolg, als wenn es staatlich verordnet wird.“
 
„Lücken schließen“
 
So neu sei das gar nicht, sagt Bouffier. Was sei denn das Wichtigste von alters her, was die Gesellschaft zu leisten habe? „Das Wichtigste ist doch, dass wir in der Lage sind, Menschen in Not zu helfen.“ Das sei noch wichtiger als Bildung, Gesundheit oder Wohlstand. Rettung, wenn es brennt, wenn das Wasser im Keller steht, wenn es einen Unfall gegeben habe - in Deutschland werde das zu 95 Prozent ehrenamtlich organisiert. Die Rettungsdienste, die Feuerwehren. „95 Prozent!“ Zu jeder Tag- und Nachtzeit, in jedem Ort, in jeder Gegend stünden dafür ehrenamtliche Helfer bereit. Auch ohne demographischen Wandel gelte da: „Wenn’s die nicht gäbe, wären all die anderen ziemlich schnell weg.“
 
Doch ganz ohne Staat geht es dann doch nicht. Er könne anstoßen, unterstützen, „Lücken schließen“. Nicht überall gebe es genug Bürger, die sich engagieren wollen oder können. „Ich finde zwei in einem Dorf, die sagen, das könnte ich vielleicht machen, aber mit Bürokratie will ich nichts zu tun haben. Der andere sagt: Ich bin gerne bereit, Geld zu sammeln und auch den Schreibkram zu erledigen, aber ich bin kein Typ für den Marktplatz.“ Dafür hat Hessen eine Stiftung ins Leben gerufen: Sie soll die neuen Wege und die Bürger suchen, um zu Ergebnissen zu kommen wie in Gertenbach. Die Stiftung ist eine der jüngsten hessischen Initiativen, die seit knapp einem Jahrzehnt angestoßen werden. Koordiniert werden sie als Querschnittsaufgabe aus der Staatskanzlei heraus, deren Chef, Axel Wintermeyer, zugleich Demographie-Beauftragter des Landes ist.
 
Wie weit können wir gehen?
 
Selbst wenn es um klassische Daseinsvorsorge geht, also Gesundheit oder Schule, ist Bouffier nicht gleich mit der Lenkstange bei der Hand. „Wir brauchen vor allen Dingen neue Formen.“ Das gelte für die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum, aber auch für Schulen. In Bouffiers Wahlkreis liegt die Universitätsstadt Gießen wie auch der ländliche Vogelsbergkreis. „Die Medizinstudenten an unserer Gießener Universität streben in der Regel nicht den klassischen Landarzt an, der rund um die Uhr für jeden da ist, sondern sie wollen eine geplante berufliche Einsatzzeit, auch mit Freiräumen.“ Deshalb und wegen abnehmender Patientenzahlen auf dem Land müsse sich die Politik überlegen: „Kriegen wir das nicht besser hin, wenn man mit Gesundheitszentren arbeitet?“ Komplexe Behandlungen würden so auf Zentren beschränkt werden. „Aber die Grundversorgung, die wird man überall aufrechterhalten.“
 
Solche Flexibilität sei auch für Grundschulen schon Alltag. Aus vier, fünf Grundschulen werde eine „Verbundschule“ gemacht, mit einem Direktor, aber mehreren Außenstellen, vielleicht auch mit jahrgangsübergreifendem Unterricht. „Dann fahren eben die Lehrer und nicht die Schüler.“ Zuständig sei aber nicht das Land, das seien die Schulträger, die Kreise und die größeren Städte. Sie müssten entscheiden: Wie weit können wir gehen? (Und wie viel können sie bezahlen?) „Wenn wir irgendwann nur noch drei Kinder in einem Dorf haben, kann ich keine Schule aufrechterhalten.“ Viel schwieriger sei das für die weiterführenden Schulen. „Wenn ich einen Schüler angemessen ausbilden will, auch mit einem breiten Angebot, dann kann ich das natürlich nur machen mit einer Mindestzahl an Schülern.“
 
„Man kann die Hauptschule abschaffen, aber nicht den Hauptschüler“
 
Gleichzeitig müssten aber auch Schulformen erhalten bleiben. „Man kann die Hauptschule abschaffen, aber nicht den Hauptschüler.“ Der Mittelstand auf dem platten Land suche nach Fachkräften, die sich Großunternehmen und internationale Konzerne aus dem Ausland holten. Um dem abzuhelfen, sei die hessische „Mittelstufenschule“ erfunden worden, die „Begegnung mit der Arbeitswelt, mit Betrieben“ pflegt und den Abbruch der Ausbildung vermeiden solle. Sie soll auch dafür sorgen, dass sich die Betriebe frühzeitig um eigenen Nachwuchs bemühen und ihn betreuen. Die Fachkräfte, die wir haben, müssen wir so optimal ausbilden, wie es nur geht. Wir können uns nicht leisten, Leute, die arbeitslos sind, dauerhaft arbeitslos sein zu lassen.“
 
Reicht das? Lässt sich dem Fachkräftemangel ohne Einwanderungspolitik begegnen? „Wir dürfen nicht wieder den gleichen Fehler machen, den wir schon einmal gemacht haben: Arbeitskräfte rufen und vergessen, dass dann Menschen kommen“, sagt Bouffier. „Deshalb kann Zuwanderung nur in einem Spezialsegment wirklich helfen.“ Gesucht würden außerdem ganz unterschiedliche Fachkräfte, nicht nur Informatiker, nicht nur Ingenieure. „Der Fachkräftemangel des Automobilherstellers ist ein anderer als der des Weinbauern oder des Spargelbauern. Und der Fachkräftemangel in Krankenhäusern oder Altenheimen ist ein völlig anderer als der des Handwerksbetriebs in der Fläche. Deshalb brauchen wir unterschiedliche Antworten.“
 
„Das kann nicht gelingen“
 
Klar sei aber auch, dass es Bereiche gebe, wo international gesucht werden müsse. Doch gegenüber Zahlen sei Misstrauen angebracht. Vor zehn Jahren habe ihm die Wirtschaft 40.000 Bewerber für die von Kanzler Schröder angestoßene „Green Card“ allein in der Rhein-Main-Region vorhergesagt. Am Ende der Aktion seien es 8500 für die gesamte Bundesrepublik geworden. Es gehe um mehr als nur den Satz: Uns fehlen die Fachkräfte. Es gehe auch um Wettbewerbsfähigkeit und um die Gewähr, Integration erfolgreich bewerkstelligen zu können. Einwanderung dürfe deshalb nicht als „Mittel der Armutsbekämpfung auf dieser Welt“ missverstanden werden. „Das kann nicht gelingen.“ Mit der „Blue Card“ sei jetzt eine neue Antwort gegeben worden. „Wenn wir jemanden hier haben wollen, der erfolgreich arbeitet, der sich hier wohl fühlt, dann müssen wir auch ermöglichen, dass er seine Familie mitbringen kann, wir müssen ihm eine Planungsperspektive geben.“
 
Was für die Integration von Einwanderern gilt, trifft das nicht auch auf die Integration der Einwohner zu, die schon immer hier waren? „Wenn wir nicht Naturparks aus diesen Landschaften machen wollen, wo die Städter hinfahren und schauen können, wie man früher gelebt hat, dann müssen wir die Attraktivität dieser Räume erhalten“, sagt Bouffier. „Vielleicht ist es günstiger, dort ein Haus zu bauen oder dort zu wohnen, günstiger als im städtischen Ballungsraum.“ Doch wichtiger sei etwas anderes: „Das Allererste ist es, Arbeitsplätze auch in der Fläche zu erhalten.“
Wenn sich der Staat auf die Grundversorgung konzentriere, die Bürger und Kommunen dann selbst bestimmten, was zu tun sei, dann gehe es den Leuten mit demographischem Wandel vielleicht sogar besser als ohne, sagt Bouffier. „Der allseits betreute Mensch - Jugendliche ins Jugendzentrum, Alte ins Altenzentrum und wir alle ins Begegnungszentrum, vorgeschrieben von der Wohlfühlbehörde, die mitteilt, wann man sich einzufinden hat, betreut von Sozialarbeitern und mit drei Angeboten, die man ankreuzen kann: Das ist nicht meine Vorstellung von einer lebenswerten Gesellschaft.“
 
Das Gespräch führten Günther Nonnenmacher und Jasper von Altenbockum.
Themengebiet: Demografie, Ehrenamt, Interview