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13.01.2016 - Land
Finanzminister Dr. Thomas Schäfer: Persönliche Briefübergabe im Namen der hessischen Finanzverwaltung zur moralischen Wiedergutmachung von NS-Verbrechen

Lothar Wassum war 17 Jahre alt, als er während der Zeit des Nationalsozialismus im August 1943 einen Brief des Finanzamtes Michelstadt erhielt. Das Schreiben informierte ihn über die Einziehung der Vermögensgegenstände seiner Mutter, die bereits einen Monat zuvor im Konzentrationslager in Ausschwitz ermordet wurde. Heute, gut 72 Jahre später, überreichte Hessens Finanzminister dem fast 90-Jährigen einen persönlich verfassten Brief, in dem der Finanzminister unmissverständlich klarstellt: „Die Einziehung der Vermögensgegenstände Ihrer Mutter erfolgte im Nationalsozialismus zu Unrecht.“ Mit dem Schreiben von Dr. Thomas Schäfer erfährt Lothar Wassum erstmals persönlich eine moralische Klarstellung und damit Anerkennung der Unrechtstat von staatlicher Seite.

Offizielle Briefübergabe im Finanzamt Michelstadt

Die offizielle Briefübergabe im Finanzamt Michelstadt fand heute im Rahmen einer Begleitveranstaltung zur Wanderausstellung „Legalisierter Raub – Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945“ statt. Die Wanderausstellung, organisiert vom Fritz Bauer Institut und dem Hessischen Rundfunk, wird vom Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst und der Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen unterstützt. Die Ausstellung dokumentiert eindrücklich die Mitwirkung der Finanzbehörden des Deutschen Reiches an der unrechtmäßigen Einziehung jüdischen Eigentums und ist noch bis zum 28. Februar im Odenwald- und Spielzeugmuseum Michelstadt zu besuchen.

„Lieber Herr Wassum, eine moralische Wiedergutmachung in Form einer Anerkennung der damaligen Entziehung des Vermögens Ihrer Mutter als ‚Unrecht‘ wurde Ihnen gegenüber bis heute von staatlicher Seite nie ausgesprochen. Da ich erfahren habe, wie sehr Sie bis heute unter dem damals Erlebten leiden, ist es mir ein besonderes Bedürfnis, Ihnen heute Abend im Namen der hessischen Finanzverwaltung diesen Brief zu überreichen. Es ist ein Schreiben der nachträglichen moralischen Klarstellung und der Anerkennung von geschehenem Unrecht und damit auch Anerkennung von verbundenem Leid, das Sie und Ihren Bruder so stark traf“, sagte Hessens Finanzminister anlässlich der offiziellen Briefübergabe an den Michelstädter.

Schäfer: „Unrechtstaten des Nationalsozialismus müssen anerkannt werden."

Lothar Wassum stehe mit seiner Lebensgeschichte exemplarisch für eine Vielzahl von Menschen, die trotz der Wiedergutmachungsprozesse nach dem Zweiten Weltkrieg keine moralische Wiedergutmachung erlangt habe. „Dieses Land hat sich verändert. Es ist ein anderes Land geworden. Und trotzdem sage ich voller Überzeugung, dass wir alle geschehenen Unrechtstaten des Nationalsozialismus ohne Ausnahmen als solche anerkennen müssen“, machte Dr. Thomas Schäfer deutlich. „Ich freue mich, Sie heute Abend persönlich kennenlernen zu dürfen und möchte Ihnen auf diesem Weg herzlich für Ihr Engagement danken, mit dem Sie die Erinnerung an die jüdische Bevölkerung zu Zeiten des Nationalsozialismus so lebendig halten“, so der Finanzminister an Lothar Wassum gewandt.

Die Lebensgeschichte von Lothar Wassum ist eine von 15 Familiengeschichten, die in der Wanderausstellung aus Sicht der Opfer erzählt wird. Seine Mutter Lizzie konvertierte bereits 1920 vom jüdischen zum evangelischen Glauben. Doch mit dem Erlass des Reichsbürgergesetzes und der folgenden Ersten Verordnung im Jahr 1935 galten die Mutter als Jüdin und die Kinder als sogenannte „Halbjuden“. Als sich der Vater Anfang 1943 scheiden ließ, entfiel damit auch der Schutz für Lizzie Wassum. Ein weiterer bestürzender Höhepunkt folgte Anfang März 1943, als Lizzie Wassum in ihrer Wohnung verhaftet, nach Ausschwitz deportiert und dort Mitte Juli ermordet wurde. Im August 1943 erhielten der damals 17-jährige Lothar und sein 21-jähriger Bruder ein Schreiben des Finanzamtes, das sie darüber informierte, dass das Vermögen ihrer Mutter – es bestand aus wenigen Kleidungsstücken und Möbeln – dem „Reich verfallen“ sei.

Chance zur historischen Aufarbeitung und zum Verstehen

In seinem Grußwort erinnerte Dr. Thomas Schäfer an die Entscheidung des Hessischen Finanzministers a.D. Karl Starzacher, der Ende der 1990er Jahre die hessischen Akten der Finanzverwaltung aus der Zeit des Nationalsozialismus für die wissenschaftliche Forschung hat öffnen lassen. Mit dieser weitreichenden Entscheidung habe Karl Starzacher einen wichtigen Beitrag für die wissenschaftliche Aufarbeitung von nationalstaatlichem Unrecht geleistet. Finanzminister Schäfer dankte auch dem Finanzamt in Michelstadt für die Ausrichtung der Begleitveranstaltung, die des Weiteren einen Vortrag und eine Lesung zum Thema umfasste. „Nur wer hinschaut, kann verstehen. Nur wer versteht, kann aus der Vergangenheit lernen. Die Deportation der jüdischen Bevölkerung, der millionenfache Mord und die Enteignung jüdischen Eigentums stellen auch nach 70 Jahren das schwerste jemals verübte Verbrechen dar“, betonte Dr. Thomas Schäfer. „Ausstellungen wie der ‚Legalisierte Raub‘ sind nicht nur Orte der historischen Aufarbeitung und des Verstehens, sondern auch wichtige Beiträge, damit wir niemals vergessen, welch furchtbare Kräfte des Terrors und der Vernichtung in diesem Land einmal wüteten. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, die Erinnerung daran wachzuhalten und das verübte Unrecht beim Namen zu nennen. Ganz gleich, wer es begangen hat“, resümierte der Finanzminister abschließend.

Themengebiet: Hessisches Finanzministerium