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05.11.2015 - Europa
Europaministerin Lucia Puttrich im Interview mit der Welt am Sonntag: Wir müssen unser Land erklären, unsere Werte, unsere Demokratie, unser Leben

Im Interview mit der Welt am 5. November fordert Europaministerin Lucia Puttrich einen Pflicht-Grundkurs "Deutschland" für Flüchtlinge mit einer positiven Bleiberechtsperspektive.

Frau Puttrich, Sie waren 15 Jahre Bürgermeisterin der hessischen Kleinstadt Nidda. Wenn Sie mitbekommen, wie es den Kommunen in der Flüchtlingskrise geht: Sind Sie froh, dass Sie in diesen Zeiten keine Rathauschefin mehr sind? 
Das kann ich so nicht sagen. Ich hätte als Bürgermeisterin keine Angst vor dieser Situation. Und ich habe großen Respekt vor den Leistungen der Kollegen in dieser Zeit. Die größte Herausforderung der Kommunen ist die Integration der Flüchtlinge. Sie sind in der Verantwortung, mit den Asylbewerbern ein Klima zu schaffen, das die Gesellschaft eint und nicht spaltet. Viel hängt auch von den Politikern vor Ort ab: Zeigen sie eine Willkommenshaltung oder Abwehrhaltung?

Viele Flüchtlinge haben noch nie in einer freien, offenen Gesellschaft gelebt. Wie muss Deutschland ihnen wohl vorkommen?
Als ein attraktives und fremdes Land zugleich. Fremd vor allem im Alltagsleben. Auf einmal haben sie es mit der Gleichberechtigung von Mann und Frau zu tun, mit einem respektvollen Nebeneinander der Religionen, mit der Freiheit der sexuellen Orientierung. Unser Wertesystem sorgt bei manchen für Verwunderung.

Welche Maßnahmen sollten denn hinter dem Oberbegriff Integration stehen?
Wir brauchen für alle Flüchtlinge einen verpflichtenden Grundkurs Deutschland. Das Erlernen der deutschen Sprache steht an vorderster Stelle. Aber was auf den Lehrplan eines solchen Grundkurses Deutschland gehört, geht viel tiefer: Wir müssen unser Land erklären, unsere Werte, unsere Demokratie, unser Leben. Das darf nicht irgendwann geschehen, sondern muss gleich am Anfang passieren.

Was heißt am Anfang?
Den verpflichtenden Grundkurs muss es in der Erstaufnahme für diejenigen geben, die eine positive Bleiberechtsperspektive haben. Und dann heißt es für die Flüchtlinge, sich auch mit unserer Geschichte und unserer Kultur auseinanderzusetzen.

Und am Ende steht eine Prüfung?
Nein, das ginge zu weit. Aber eine Verpflichtung zu solch einem Kurs würde schon eine Menge Druck erzeugen. Und es wäre mehr, als einem Asylbewerber mal eben einen Handzettel mit ein paar Infos in die Hand zu drücken. Der Kurs wäre eine ernsthafte, erfolgreiche Auseinandersetzung mit unserem Land. Da müssen wir doch nicht am Ende nach Punkten festlegen: bestanden oder nicht bestanden.

Wer soll diese Kurse leiten?
Ich denke, da an unsere vielen pensionierten Beamten, also an Lehrer, Richter, Verwaltungskräfte im Ruhestand. Das muss also nicht mit enormen Kosten verbunden sein.

Sollte aus dem Appell ein Gesetz werden?
Ob wir daraus eine gesetzliche Regelung machen sollten, wird sich zeigen. Ich halte das auch mit Blick auf die Ansätze, die andere europäische Staaten zur Integration wählen, für einen gangbaren Weg. Fangen wir doch erst einmal mit einem Pilotprojekt an.

Woran erkennen wir am Ende einen voll integrierten Flüchtling?
Wir können den integrierten Flüchtling äußerlich nicht erkennen. Die innere Haltung ist entscheidend: Dieser Mensch, der nach Deutschland gekommen ist, muss hier gern leben, und er muss sich gern als Teil dieser pluralistischen Gesellschaft sehen. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Das Interview führte Karsten Kammholz

Themengebiet: Europa, Integration