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Roland Koch im Interview mit "Die Zeit"

Im Interview mit der Wochenzeitung "Die Zeit" spricht Ministerpräsident Koch über Bildungspolitik und beklagt, dass die Frage der Effizienz an Schulen und Hochschulen niemals ernsthaft geführt worden sei. Alle hätten Angst vor dem Vorwurf der Ökonomisierung der Bildung, dabei müsse das, was für Wirtschaft und Verwaltung richtig sei, auch für Lehrer, Erzieher, Professoren und Rektoren gelten:"nämlich das Leistung für gleiches Geld immer wieder besser werden muss", so Koch. Eine übergroße Sorge, was aus dem eigenen Kind werde, sei zum zentralen Maßstab geworden, mit dem das Schulsystem kaum noch fertig werde. Als Grund dafür nannte er die Angst großer Teile der Mittelschicht vor dem gesellschaftlichen Abstieg. "Früher hieß es, meine Kinder sollen es einmal besser haben. Heute regiert die Angst, den sozialen Status der Familie nicht halten zu können." Das ganze Interview mit dem Ministerpräsidenten können Sie in der "Zeit" (Ausgabe vom 1. Juli 2010) lesen.


DIE ZEIT: Sie wollten Hessen einst zum Bildungsland Nummer eins machen. Am Ende Ihrer Amtszeit gelten Sie bundesweit als der Buhmann der Bildungspolitik. Haben Ihnen elf Jahre als Ministerpräsident das Interesse an der Bildung verleidet?

Roland Koch: Ganz im Gegenteil. Ich bin weiterhin ein engagierter Befürworter der Bildung. Sie ist das kostbarste Gut, das wir in unserer Gesellschaft pflegen müssen.

ZEIT: In Hessen wird der Etat der Universitäten zusammengestrichen. Sie haben dazu aufgerufen, national bei der Bildung zu sparen. Sieht so eine bildungsfreundliche Politik aus?

Koch: Wir in Hessen nehmen die Schuldenbremse ernst. Dennoch wurden unter meiner Regierung die Ausgaben für Schulen und Hochschulen von knapp zwei Milliarden Euro 1999 auf heute drei Milliarden gesteigert. Die hessischen Hochschulen sind wieder konkurrenzfähig. Wir haben Schluss gemacht mit dem Ausfall von 100.000 Unterrichtsstunden.

ZEIT: Das scheinen Ihre Wähler nicht bemerkt zu haben.

Koch: Erst einmal zeigen die Umfragen, dass die Bürger in Hessen im Vergleich zu anderen Ländern etwas weniger unzufrieden mit der Bildungspolitik sind.

ZEIT: Sie sind bescheiden geworden.

Koch: Das muss man heute leider sein in der Bildungspolitik, fürchte ich. Denn es herrscht in allen Bundesländern eine Skepsis gegenüber der Schulpolitik, die es so vorher niemals gab – und zwar egal, welche Partei gerade in der Verantwortung steht. Viele Eltern hinterfragen jedes Detail in der Schule mit einem Grundmisstrauen und einer Akribie, die schlicht unzufrieden machen müssen.

ZEIT: Sind die Eltern also Schuld am schlechten Image unserer Schulen?

Koch: Das habe ich nicht gesagt. Ich meine allerdings, dass die Sorge darum, was unsere Schulen leisten, übertrieben ist. Zudem ist das Misstrauen ungerecht gegenüber unseren Lehrerinnen und Lehrern. Elternabende sind heute gefürchtete Stressveranstaltungen, weil Lehrerinnen und Lehrer mit Anforderungen konfrontiert werden, die sie nicht erfüllen können – und oft nicht erfüllen müssen.

ZEIT: Wo sehen Sie die Gründe für diese Entwicklung?

Koch: Große Teile der Mittelschicht fürchten sich vor dem sozialen Abstieg. Sie leben in großer Sorge, dass es ihren Kindern schlechter gehen könnte als ihnen selbst. Früher hieß es, meine Kinder sollen es einmal besser haben. Heute regiert die Angst, den sozialen Status der Familie nicht halten zu können.

ZEIT: Das ist doch ein allgemeines gesellschaftliches Problem…


Koch: ...das sich aber unmittelbar auf die Skepsis gegenüber den Schulen und der Bildungspolitik auswirkt. Die übergroße Besorgtheit, was mit dem eigenen Kind passiert, ist zum zentralen Maßstab geworden, mit dem das Schulsystem kaum noch fertig wird.

ZEIT: Wollen Sie die Defizite unseres Schulsystems leugnen? Gerade vergangene Woche hat der neue Ländervergleich sie wieder einmal deutlich gemacht.

Koch: Untersuchungen wie die Pisa-Studie haben uns zu vielen Erkenntnissen verholfen. Gleichzeitig haben sie unsere Wahrnehmung aber stark negativ verzerrt. Unsere Schulen sind ganz sicher nicht so schlecht, wie viele in der Gesellschaft den Eindruck haben und ihn vermittelt bekommen.

ZEIT: Haben Sie ein Beispiel für angeblich ungerechtfertigte Sorgen?

Koch: Nehmen Sie die Zahl der Akademiker. Immer wieder wird behauptet, dass Deutschland eine zu niedrige Quote habe. Pro forma mag das stimmen. Dennoch ist ein deutscher Kfz-Elektroniker mit einer Lehre dem amerikanischen Bachelor in Electrical Engineering weit überlegen, was Grundlagenwissen und technische Fertigkeiten angeht. Nicht umsonst werden die besten Autos noch in Deutschland gebaut. Oder nehmen Sie G8 …

ZEIT: ...die Verkürzung auf zwölf Schuljahre bis zum Abitur.

Koch: Wenn ich mit Eltern über das achtjährige Gymnasium diskutiere, habe ich den Eindruck, dass die Eltern in die Schule gehen und nicht ihre Kinder. Denn die Empörung über die Überlastung kommt vor allem von ihnen. Dafür aber umso heftiger. Wenn ich mit Jugendlichen spreche, dann sagen die mir, dass sie sich zwar mehr anstrengen müssen als ihre Vorgänger, aber nicht, dass das Pensum nicht zu schaffen wäre.

ZEIT: Vielleicht ist nicht die Wahrnehmung der Reform falsch, sondern die Reform selbst. Niemand glaubt doch, dass junge Deutsche berufliche Nachteile haben, wenn sie ein, zwei Jahre später anfangen zu arbeiten.

Koch: So ist es aber in einer globalisierten Welt. Das weiß ich aus eigenen Erfahrungen im Grenzbereich von Wirtschaft und Politik. Ein Personalchef nimmt gern den jüngeren Bewerber mit der größeren Erfahrung. Ich sehe nicht ein, warum unsere Jugendlichen weniger Chancen haben sollen als andere.

ZEIT: Keine Fehler also? G8 hat Sie schließlich eine Wahl gekostet.

Koch: Natürlicherweise gab es handwerkliche Fehler. Keine grundlegende Veränderung geht ohne Übergangsprobleme über die Bühne. Nur: Wenn so ein Systemwechsel in der Schule vorgenommen wird, sind davon gleich Hunderttausende Lehrer, Schüler und Eltern betroffen. Das Problem erscheint dann gigantisch. Zudem haben wir sicher unterschätzt, welche Eruptionen eine Umstellung auf acht Gymnasialjahrgänge provoziert, die in den meisten Teilen Europas und auch in Thüringen und Sachsen völlig selbstverständlich sind. Am Ende hat uns diese Reform mehr Ärger bereitet als alles andere.

ZEIT: War die Sache den Ärger wert?

Koch: Inhaltlich sicher. Ob sie es politisch wert war? Das frage ich mich auch.

ZEIT: Sie beschreiben Bildungspolitik als undankbares Feld, auf dem Politik im Grunde nur verlieren kann. Ist das der Grund, warum die CDU seit Jahren das Amt in den Koa-li-tions-re-gie-run-gen der FDP oder den Grünen überlässt?

Koch: Im Falle Hessens war es der nachdrückliche Wunsch der FDP, das Schulressort zu übernehmen. Richtig aber ist: Die CDU und die Bildungspolitik müssen zusammenbleiben, auch wenn man auf dem Feld derzeit nicht einfach punkten kann.

ZEIT: Und wie kann es dennoch gelingen?

Koch: Ich glaube, es ergibt keinen Sinn mehr, Schule für ein ganzes Land durch Erlässe des Kultusministeriums durchzuorganisieren. Dafür unterscheidet sich die Schule in Frankfurt mit 80 Prozent Kindern mit ausländischen Wurzeln zu sehr von der Schule in der Rhön. Wir brauchen selbstständige Schulen, die eigene Wege gehen können, um ihre Schüler zu guten Leistungen zu bringen.

ZEIT: Das hören viele Schulen gern, die auch unter Ihrer Regierung über die Flut von Vorschriften aus dem Kultusministerium fluchten.

Koch: Von einer Detailsteuerung müssen wir wegkommen. Die Erfahrungen mit eigenverantwortlichen Schulen sind in Hessen schon recht weit gediehen. Meine Vorstellung ist es, den Schulen am Ende ein eigenes Budget zur Verfügung zu stellen, das sie weitgehend eigenständig ausgeben dürfen. Im Gegenzug müssen sie bestimmte Lernergebnisse garantieren, die in regelmäßigen Abständen durch staatliche Tests überprüft werden. Das bringt natürlich ganz neue Herausforderungen mit sich, etwa für die Schulleiter, deren Job sich mehr als jeder andere in der Schule verändern wird.

ZEIT: Für die Schulen hört sich das eher danach an, dass sie in Zukunft den Mangel selbst verwalten dürfen. Schließlich haben Sie gefordert, bei der Bildung zu sparen.

Koch: In den Bundesländern werden 80 Prozent der frei verfügbaren Gelder für Bildung und Sicherheit ausgegeben. Wer die Schuldenbremse ernst nimmt, sieht, dass es da ein Problem gibt. Ärgerlich wird es meiner Meinung nach, wenn in dieser Lage unbeeindruckt von der Krise Budgeterhöhungen versprochen werden.

ZEIT: Bislang stehen Sie mit dieser Haltung allein. Noch heißt es: An der Bildung wird nicht gespart.

Koch: Hinter vorgehaltener Hand haben mir viele gesagt: Endlich beginnen wir diese Diskussion. Zu lange wurde der politische Wettbewerb in der Bildungspolitik über die Bildungsausgaben geführt. Dabei sind gute Bildung und Ausbildung nicht in erster Linie eine Frage des Geldes.

ZEIT: Ausgaben begrenzen und zugleich Schulen und Hochschulen verbessern – das mutet wie eine Kochsche Zauberformel an.

Koch: Überhaupt nicht. Wir haben die Frage der Effizienz unserer Schulen und Hochschulen ja niemals ernsthaft geführt, weil alle Angst vor dem Vorwurf hatten, man wolle eine Ökonomisierung der Bildung. Das halte ich für falsch. Was für die Wirtschaft oder die Verwaltung richtig ist, muss auch für Lehrer, Erzieher, Professoren oder Rektoren gelten: nämlich dass die Leistung für gleiches Geld immer wieder besser werden muss.

ZEIT: Wie soll das gehen?

Koch: Wir haben eine lange Tradition, wenn es darum geht, über die Klassengrößen oder die Stundenzahl zu streiten. Dabei wissen wir seit Pisa, dass die Schülerzahl pro Lehrer kaum Einfluss auf die Lernleistungen hat. Doch weil alle Eltern und Lehrer vom Gegenteil überzeugt sind und darin öffentlich bestärkt werden, versprechen Politiker – auch der CDU – bei jeder Wahl, die Klassenstärken zu senken.

ZEIT: Worüber sollte man denn streiten?

Koch: Ich vermisse bei den Beteiligten zum Beispiel die Kreativität, neue Lernmethoden oder andere Unterrichtsstrukturen zu entwickeln. Eine moderne Schule muss das starre Muster, dass ein Lehrer 45 Minuten lang immer eine bestimmte Zahl von Schülern unterrichtet, aufbrechen. Stattdessen müssen wir unterschiedliche Unterrichtsformen finden: mal die Schüler in großen Gruppen unterrichten, mal Schüler in kleinen Gruppen individuell fördern, dann wieder über den Einsatz moderner Medien das eigenständige Lernen unterstützen. Auch die neuen Ganztagsschulen bieten große Chancen, wenn sie sich mit dem Stadtteil oder der Region vernetzen und engagierte Bürgerinnen und Bürger in die Schule integrieren.

ZEIT: Bei der Einführung der Ganztagsschulen hat der Bund mit seinem Vier-Milliarden-Programm eine große Rolle gespielt. Seit der Verfassungsreform ist das nicht mehr möglich. Nun herrscht ein Kooperationsverbot, das auf CDU-Seite stark auf Ihr Betreiben ins Grundgesetz aufgenommen wurde. Bereuen Sie das mittlerweile?

Koch: Keineswegs! Schon damals brauchte niemand das Ganztagsschulprogramm des Bundes. Wir in Hessen zum Beispiel haben mit dem Vorantreiben von Ganztagsschulen bereits vor dem Bundesprogramm begonnen. Der Anstoß dafür kam von den Eltern, nicht aus Berlin.

ZEIT: Aber die hessischen Schulen haben von der Förderung doch enorm profitiert. Ausgeschlagen haben Sie das Geld aus Berlin schließlich nicht.

Koch: Selbstverständlich nehmen wir das Geld, wenn der Bund etwas in unsere Projekte investiert. Alles andere wäre töricht. Doch ich bleibe dabei: Die Bildungspolitik wäre nicht automatisch besser, würde der Bund in den Schulen mitmischen. Das bedeutet nicht, dass der Bund den Ländern nicht helfen kann, Schulen und Hochschulen besser zu fördern. Schließlich sind die Anforderungen an die Länder in der Bildungspolitik gestiegen, wie wir festgestellt haben. Dafür sollte der Bund den Anteil der Länder an der Umsatzsteuer erhöhen.

ZEIT: Wer garantiert, dass das Geld in den Schulen ankommt und nicht im Haushalt versickert?

Koch: Da muss man sich schon auf die Länder verlassen, die laut Verfassung allein für die Schulen zuständig sind. Und klar ist doch: Werden sie ihrer Verantwortung nicht gerecht, könnten sie von den Bürgern bei der nächsten Wahl abgestraft werden. Man sollte aber in einer Demokratie die Verantwortlichkeiten nicht vermischen. Die Bürger sollten wissen, wer für was zuständig ist.

ZEIT: Dennoch gibt es so gut wie niemanden, der das Kooperationsverbot noch will. Selbst Ihre Parteifreundin, Bundesbildungsministerin Annette Schavan, spricht von einem Fehler und denkt daran, das Grundgesetz wieder zu ändern. Beeindruckt Sie die Kritik nicht?

Koch: Bei aller Freundschaft und Wertschätzung gegenüber Annette Schavan: nein.

Das Gespräch führte Martin Spiewak