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Im Interview mit dem Weser-Kurier
Koch warnt vor Vernichtung der Tibeter

Frage: Sie haben sich sehr für den Dalai Lama engagiert. Was fasziniert Sie am Buddhismus?Roland Koch: Ich bin gläubiger Christ und kein Anhänger des Buddhismus, habe aber großen Respekt vor jeder anderen Religion. Und kein Zweifel: Der Dalai Lama ist eine faszinierende Persönlichkeit. Ich setze mich für das tibetische Volk ein, weil von den Völkern, die für ihre kulturelle Identität kämpfen, die Tibeter unter Führung des Dalai Lamas die einzigen sind, die Gewaltlosigkeit zum Prinzip gemacht haben. Denken Sie an Nordirland, das Baskenland oder die Palästinenser: Alle haben Bomben oder Waffen eingesetzt, tun es zum Teil noch immer und waren vergleichsweise erfolgreich. Da wäre es ein schlechtes Signal für die Jugend, wenn ausgerechnet diejenigen die Verlierer wären, die auf Friedfertigkeit setzen.Seit wann engagieren Sie sich?Seit mehr als 20 Jahren. Dabei ist im Laufe der Zeit auch eine persönliche Nähe zum Dalai Lama entstanden. Doch die Motivation für dieses Engagement ist der erwähnte gesellschaftspolitische Hintergrund.Nun ist die Gewaltlosigkeit bei vielen Tibetern umstritten. Zunächst muss sich die Weltgemeinschaft immer wieder fragen: Kann man die Tibeter mit der Theorie der Friedfertigkeit so allein lassen, dass sie am Ende untergehen? Jene, die keine Chance haben, ihre Sprache zu sprechen, keine beruflichen Aufstiegschancen haben, keine Chance haben, den Kindern ihren religiösen Glauben weiterzugeben. Und in der Tat, gerade in der jüngeren Generation gibt es einen heftigen Streit darüber, ob dieser Weg der Friedfertigkeit des Dalai Lama richtig ist. Am Ende hat sich aber der Weg der Gewaltlosigkeit durchgesetzt. Umso mehr sollten wir uns für dieses Volk auf dem Dach der Welt mit seiner einzigartigen Kultur einsetzen.Welche fünf Forderungen würden Sie an Chinas Präsidenten Hu Jintao richten, wenn er Sie zum Tee einladen würde?Ich bin überzeugt davon, dass es auch im Interesse des chinesischen Volkes ist, Respekt vor Minderheiten zu haben, wenn man eine eigene stabile Zukunft will. Die wichtigste Forderung ist das Recht auf freie Religionsausübung. Dazu kommt das Recht, die eigene Sprache unterrichten zu dürfen und den Lebensstil aufrecht zu erhalten, den die Tibeter über Jahrhunderte entwickelt haben. Das muss kombiniert werden mit regionaler Eigenverantwortung und Verwaltung.Peking siedelt Chinesen in Tibet an. Droht eine Konflikt-Lösung durch Demografie?Neben der Unterdrückung durch die Polizei ist das die größte Gefahr: Die Auslöschung des Volkes durch Majorisierung. Schon jetzt leben dort mehr Zugewanderte aus Zentralchina als gebürtige Tibeter. Das ist Teil der Pekinger Strategie. Am Ende wäre es auch die Vernichtung eines Volkes, nur mit anderen Mitteln."Vernichtung eines Volks": Reagiert die Staatengemeinschaft angemessen?Wir müssen mit friedlichen Mittel versuchen, zu überzeugen. Der Dalai Lama betont sein Interesse an einem starken und anerkannten China. Nur dieses China hat das Selbstbewusstsein, angemessen mit nationalen Minderheiten umzugehen und die wirtschaftliche Kraft, Entwicklungshilfe für Tibet zu leisten.Was tun, in den Regierungszentralen? Die Politiker sollten den Mut haben, über gute wirtschaftliche und politische Beziehungen zu reden, ohne über die Situation der Menschenrechte in Tibet zu schweigen. Kanzlerin Angela Merkel macht das in vorbildlicher Weise. Das hat zwar auch Ärger provoziert, wird aber auf Dauer zu größerem Respekt führen. Belgien hat vor kurzem die Einreise des Dalai Lamas zum Sitz der EU verhindert, weil der Thronfolger mit einer Wirtschaftsdelegation nach China reisen wollte. So erlangt man keinen Respekt in Peking. Das Wichtigste ist eine klare Sprache.Repräsentantenhaus und Außenministerium in den USA hatten jüngst diese klare Sprache gewählt: Nur Lippenbekenntnisse? Immerhin kann sich das Land nur mit chinesischen Krediten über Wasser halten.Umso mehr muss man Respekt davor haben, dass die USA als einziges Land quasi institutionell eine Schutzaufgabe für Tibet empfinden: Die Regierung muss dem Kongress jährlich berichten, was sie zum Schutz des tibetischen Volks getan hat. Das sind keine Lippenbekenntnisse. Es ist naiv zu glauben, man könne das große chinesische Volk durch Druck von Außen dazu bringen, das zu tun, was wir uns vorstellen.Sondern?Die einzige Chance ist, die chinesische Regierung von den Vorteilen einer offenen und gemeinsamen Welt zu überzeugen. Diese Überlegungen gibt es auch in der kommunistischen Führung. Dort treten auch Generationskonflikte auf. Es gibt eine Debatte darüber, was man in dieser gesellschaftlichen und politischen Öffnung tun müsse und wie sehr man noch auf Unterdrückung setzen solle. Es taucht auch die Frage auf, ob denn die Areligiösität eines Volkes von einer Milliarde Menschen wirklich erstrebenswert ist.Zurück zur "klaren Sprache": Außenminister Steinmeier wollte sich 2008 nicht mit dem Dalai Lama treffen: Offizielle Gespräche seien Schaufensterpolitik. Ist stille Diplomatie sinnvoller? Stille Diplomatie überwiegt. Doch sie wird sinnlos, wenn sie nicht mit dem Mut verbunden ist, sie öffentlich zu bekennen. Es muss den Mut zum Bekenntnis und zum Konflikt geben - und zu einer Diplomatie, mit der am Ende alle ihr Gesicht wahren können.Deutschland ist der wichtigste Handelspartner Chinas in Europa. Wendet sich Peking wegen deutscher Kritik anderen Regionen zu, um sein Gesicht zu wahren?Meine Erfahrungen mit chinesischen Gesprächspartnern schließt eine Menge von Warnungen ängstlicher Deutscher ein. Doch die Wirtschaftsbeziehungen sind gut. Die chinesische Seite entscheidet über Wirtschaftskontakte danach, ob sie dem Volk dienen. Wenn wir gute Dinge anbieten, werden wir erfolgreich sein. Ich bleibe dabei: Die Chinesen haben ein feines Gefühl für Mut und Duckmäusertum. Sie wollen nicht ihr Gesicht verlieren, respektieren aber auch Klarheit.Der Dalai Lama ist 73 Jahre alt und soll nicht bei bester Gesundheit sein.  Ich habe ihn vor drei Wochen in Baden-Baden bei der Verleihung des Deutschen Medienpreises getroffen. Er ist topfit. Wenn wir beide mit 73 noch so fit sind, können sich unsere Familien beruhigt zurücklehnen.

Hessens Ministerpräsident Roland Koch appelliert an die chinesische Führung, den Tibetern Religionsfreiheit und regionale Autonomie zu gewähren. 50 Jahre nach der Niederschlagung des tibetischen Aufstands durch chinesische Truppen fordert der CDU-Politiker von der internationalen Staatengemeinschaft Mut zum Bekenntnis und Konflikt mit Peking. Mit dem Regierungschef sprach Weser-Kurier Redakteur Rainer Kabbert.